roland dahinden | composer – performer
Gleiches in der Verschiedenheit - Verschiedenheit im Gleichen

Eine zerklüftete, karstige, im Sonnenlicht silbern schimmernde Steinlandschaft: die Silberen, eine Gebirgslandschaft beim Pragelpass zwischen Muota- und Klöntal, uralt und urchig; ein Ort, wo selbst Archaisches neu wirkt. Der Land-Art-Künstler Richard Long hat dort oben, fernab von jeder Museumsmeile, seine Steine ausgesetzt, wie er es oft tut, hat Felsstücke neben und zwischen Abgründen platziert, die dort stehenbleiben, so lange es die Zeit erlaubt, und er hat sie für einmal nicht einmal in einem Kreis geordnet, wie er es sonst zu tun pflegt. Dieser Eingriff fällt kaum in der Landschaft auf und wirkt doch bei näherem Betrachten - ähnlich wie die Dolmenfelder in der Bretagne oder die Steinkreise auf den britischen Inseln, die als Vorbild gedient haben mögen - gesetzt von Menschenhand. Oft wirkt in Longs Werken der mitunter magisch verstandene Zirkel als Rahmen, in dem sich aber eine im Innern oft unstrukturierte Assemblage quasi frei gestaltet. Ein selbstverständliches Beieinander hier von Steinen, nichts da von der hehren Einfachheit früherer Heiligtümer. Im Kreis ist die Offenheit konzentriert.

Derlei lässt sich nicht in Musik illustrieren und kaum in einem strengen Prozess nachvollziehen. Jedenfalls tut dies Roland Dahinden in seinem Stück für Klavier und Streichquartett nicht, das schlicht den Namen "silberen" trägt. Und doch macht Musik ja auch dieses: Innerhalb eines in der Zeit klar abgezirkelten Rahmens Töne setzen. So kann Richard Longs Werk auf dem Berg zum Verständnis des Werks beitragen. Auf alle Fälle - das wird schon nach wenigen Klängen klar - haben wir es hier nicht mit einer dramatischen oder auch nur irgendwie zielstrebigen Musik zu tun. Auch werden keine grellen Kontraste gesetzt. Die Dynamik ist im Piano-Bereich gehalten, und das doch über immerhin Dreiviertelstunden. Die Klänge sind "weiss" - führen tonal nirgends hin, die Rhythmik ist aufgehoben (und nicht gestaut, wie man es auch aufnehmen könnte), es gibt keine Themen, nicht einmal Motive, sondern nur Töne. Wir sind in einem Bereich, der uns eher aus der Musik amerikanischer Komponisten wie John Cage und Morton Feldman vertraut ist, aber auch diese Assoziation führt kaum weiter.

Die Musik, so könnte man meinen, dreht sich. Aber auch das wirkt zu geordnet, schematisch. Dennoch: Auf kaum offensichtliche, eher untergründige Weise sind die Klänge untereinander verbunden. Einzelne Tonhöhen, ja auch Zusammenklänge tauchen mehrmals innerhalb eines "Movement" auf, werden dann aber auch wieder im Zusammenhang, im Zusammenklang verschoben, so dass sich das Bild verändert. So kommt es zu fragilen Farbveränderungen. Man könnte meinen, man betrachte das Gleiche jeweils von einer anderen Seite - sei's jetzt, auf die konkrete Silberen übertragen, die kalkige Unterlage oder die Steinassemblage. Akkorde wirken, als kämen Steine im Blick hintereinander zu stehen; einzelne von ihnen erscheinen mal höher mal tiefer. Aber ist das schon zuviel der Assoziation?

Das Stück ist in 21 Movements gegliedert, und trefflich liesse sich das für einmal nicht mit "Satz", sondern wörtlich mit "Bewegung" übertragen. Jedes Mal in einer wechselnden instrumentalen Besetzung wird ein Klangmaterial von verschiedenen Seiten betrachtet, so als umgehe man - im Kreis? - eine Skulptur. Jedes Movement ist klar umrissen und im Innern offen, ein Moment, geprägt von den Instrumenten, dem Klavier, das seine Töne in den Nachhall des offenen Pedals setzt, und dem Quartett, das seine Klänge modulieren kann. Die Streicher schaffen einen Innenraum zum weiten Klangraum des Klaviers. Das einzigartig sanfte, matt-silberne Leuchten ihrer Klänge changiert zuweilen in den Farben des Flageoletts, des Sul ponticello, und gelegentlich scheint gar im Übergang zu einem poco vibrato noch ein letzter Rest romantischen Espressivos auf.

Denn so ruhig diese Musik aufs erste wirken mag, so wechselvoll, ja zuweilen fast feinst-rastlos ist es im Innern. Sie entwickelt sich nicht schematisch, sie ist auch da offen. Sie ist fern aller Betulichkeit des Pseudomeditativen, sie weidet den Moment nicht kontemplativ aus, sondern unaufhaltsam dreht sich die Skulptur vor unseren Ohren. Und die Musik versinkt nicht in Melancholie. Oft genug wird man vom bereits einsetzenden nächsten Klang überrascht und von einer Klangmodulation entführt. Das Changieren geschieht oft nicht nur rasch, sondern auch unregelmässig. Das Ohr erhält nicht die Gelegenheit, sich zur Ruhe zu setzen, es kreist immer wieder um die Töne und nimmt mit jeder "Bewegung" einen anderen Hörwinkel ein.

Es ist freilich gut, sich nicht an dieses Bild zu klammern. Ähnlich wie bei anderen Werken Roland Dahindens, die sich noch enger an bildende Kunst angliedern, ist die Klangebene etwas Eigenes, Eigenständiges, selbst wenn sie für eine bestimmte Gelegenheit geschaffen wurde. Sie lässt sich nichts diktieren. Sie hat ihre eigene Logik. Dazu wähle ich aus der Unmenge des Zitierbaren eine Bemerkung von Paul Cézanne: "Es gibt eine Farbenlogik, parbleu, der Maler muss ihr gehorchen, nicht der Logik des Gehirns. Wenn er sich an diese verliert, ist er verloren. An die Augen muss er sich verlieren. Die Malerei ist eine Optik, der Inhalt unserer Kunst liegt primär in dem, was unsere Augen denken."

Auf wunderschöne Weise beschreibt der Satz etwas, das im zweiten Stück dieser CD geschieht, einer Musik, die sich ebenfalls auf bildende Kunst bezieht: "lichtweiss". Die österreichische Künstlerin Inge Dick ist besessen vom Monochromen. In Bildserien spürte sie dem "Bleu du Ciel" nach oder in "Ein Tages Licht Weiss" den Farbwandlungen des 13. Juni 1996 durch Polaroids von 5.07 bis 20.52 Uhr. So hat sie auch eine Serie von ganz weissen Bildern gemalt, die auf den ersten Moment nur ein ungemeine nüancierte weisse Oberfläche präsentieren. Und weiter geben sie zunächst nichts her. Es bedarf des längeren Betrachtens und vor allem des Lichteinfalls, damit sich in diesem Weiss eine gelbliche, bläuliche oder grünliche Schattierung oder Färbung offenbart, die unendlich fein ist, dem Bild aber seine Tiefe verleiht.

Auch dafür gibt es kein äquivalentes musikalisches Verfahren. Und doch erlebt der Hörer in den vier Sätzen von Roland Dahindens "lichtweiss" für Solovibraphon feinste Färbungen. Jedes Stück baut auf einem feinen Unterschied auf: I und III auf dem unterschiedlichen Anschlag mit hartem oder weichem Schlägel, II auf dem Gegensatz von gestrichenem und geschlagenem Klang, IV auf dem von einer lauten und einer sehr leisen Schicht. Diese Klangdifferenzierung staffelt den Klang im Raum. Das ist aber erst die äussere Anlage. Was darüber hinaus geschieht, lässt sich sehr schön am zweiten Stück aufzeigen. Über viereinhalb Minuten entfaltet sich hier eine harmonisch homogene Klangwelt. Die mit dem Bogen angestrichenen Töne bewegen sich nur zwischen e' und f'. Diese beiden Tonhöhen finden sich auch unter den geschlagenen Tönen. Darunter kommt ein fis zu stehen, darüber die jeweils wechselnden d''/dis'' und noch höher c'''/cis'''. So wird über zweieinhalb Oktaven mit sieben Tönen ein Septimenklangraum ausgespannt, der in sich zu ruhen scheint. Wenn sich nun nach eben knapp viereinhalb Minuten zunächst der Ton gis' und gleich darauf auch noch ein g'' einmischen, ist das ebenso fein wie einschneidend. Sehr schnell gerät in der Folge das etablierte Tongefüge in Unordnung, freilich ohne unruhig oder gar instabil zu wirken. Die Grundachsen bleiben, wie sich am Schluss zeigt, aber das harmonische Farbspektrum hat sich erweitert und leicht gedreht.

Ähnliche Prozesse sind auch in den anderen Sätzen zu verfolgen, wobei das Wort "Prozess" bereits in eine falsche Richtung zeigt. Weder ist das Vorgehen krude kalkuliert noch entsteht das Resultat aus einem schleichenden minimalistischen Prozess. Die harmonischen Erweiterungen sind ebenso unspektakulär wie überrschend. In "lichtweiss I" gibt es gleich mehrere solcher Momente, in denen sich ein einmal gefundenes und "sich setzendes" harmonisches Feld (das von Ferne an eine Webernsche Tonkonstellation erinnern mag) aufbricht und erweitert. Selten wird so sinnfällig, wie sehr Harmonik in der Musik mit Raum verbunden ist. All das geschieht mit geringstem Energieaufwand und erreicht doch grösste Wirkung. Die Kraft des "Fremdlings", des eindringenden Tons wird vom Ohr sogleich umgelenkt und ins harmonische Feld überführt - und so kann das Spiel aufs neue beginnen.

Komplexer in der Anlage und doch ebenso unmittelbar nachvollziehbar (zumal nach den Hörerfahrungen aus den ersten beiden Stücken) ist "lichtweiss III". Das letzte Stück schliesslich, das kürzeste von allen, geht einen anderen Weg und gewinnt dem Einfärben der Klänge nochmals eine andere Facette ab. Die hart und laut angeschlagenen Klänge (Akkorde oder Tonfolgen) werden dadurch moduliert, dass einzelne Töne daraus in der Lautstärke des Nachhalls, also leisest nachgespielt werden. Dadurch werden einzige harmonieeigene Töne hervorgehoben, zum Teil auch durch Oktaven. Dabei werden aber auch hier wieder "fremde" Töne eingeschoben, die von den Grundklängen abweichen, dadurch hervorstechen und diese zart einfärben. Hören wird auch hier zu einem Nachlauschen des Einzelnsten. Es gibt darin kein System, keine Logik des Gehirns, parbleu. Im Zusammenhang mit der Arbeit von Inge Dick zitierte der Kunstwissenschaftler Reinhold Misselbeck einmal einige Zeilen des spätmittelalterlichen Theologen und Dichters Alanus ab Insulis; sie beschreiben auch Aspekte von "lichtweiss": "Solange sie sich von dem Einen nicht entfernt, wandelt sich die Einheit. Solange sie sich in dem Einen zusammenzieht, vereinigt sich die Wandlung. Das Gleiche geht in Verschiedenes über, die Verschiedenheit ins Gleiche. Doch überschreitet die Einfachheit nie ihre eigenen Grenzen."

Thomas Meyer

Stones liner note (En)

Flying White liner note (En)
Flying White liner note (De)

Silberen liner note (En)
Silberen liner note (De)
Silberen liner note (Fr)

Concept of Freedom liner note (En)

Naima liner note (En)

Im Hier und Jetzt - Seiltanz

Die Poesie der Möglichkeiten

Sound as a realm of experience.
On the work of composer Roland Dahinden (En)


Spuren im Klangraum; Die Signatur des Erhabenen bei Roland Dahinden

Essay von Thomas Meyer für "bleu de ciel" von Inge Dick

Aus dem Möglichen Schöpfen

Nuancen im Weissen

first the artist defines meaning/then the work takes place (De, Eng)

Collaboration/Zusammenspiel (De, Eng)