roland dahinden | composer – performer
Was mag wohl damals in jenem Maler vorgegangen sein, der als erster den byzantinischen Goldgrund durch ein reines Himmelsblau ersetzte, das Bild göttlicher Ewigkeit also durch eine irdische, "realistische", wenn auch nicht minder unbegreifliche Unendlichkeit? Wenn es denn (wahrscheinlich) Giotto war, so ist der Anlass bezeichnend: Die Geschichte des heiligen Franziskus, jenes Heiligen, der seinen äusseren Reichtum verschenkte, um zu einem inneren zu gelangen. Auffallend diese Verbindung: dass ein Realismus mit einer Armut zusammenhängt. Und dass vor diesem Himmel wirkliche Menschen auftraten und nicht mehr nur entindividualisierte Figuren. Handelte es sich gar um eine "arme Kunst"? Vielleicht kam den Menschen des späten Mittelalters, auch wenn sie Giottos Genie erkannten, der reine Himmel armselig vor: So frei von aller Mystik.

Erschrak nicht sogar ein fortschrittlicher Geist wie Francesco Petrarca ein wenig darüber, als er bei seinem berühmten Aufstieg auf den Mont Ventoux unter freiem Himmel über die Landschaft und die Natur blickte? Geriet ihm bezeichnenderweise nicht gerade da ein Augustinus-Zitat in die Hände? "Und es gehen die Menschen hin, zu bewundern die Höhen der Berge und die gewaltigen Fluten des Meeres und das Fliessen der breitesten Ströme und des Ozeans Umlauf und die Kreisbahnen der Gestirne - und verlassen dabei sich selbst." Es schockierte, die Natur so zu betrachten, wie sie ist. Fern jedenfalls ist noch ein Mensch, der sich rühmt, ihm genüge der Himmel als Dach über dem Kopf. Noch ferner jene, die sich in eben dieses Himmelblau versenken und darin tiefe Nüancen entdecken, die dabei gerade nicht sich selbst verlassen.

Ob man die Entdeckung des Himmelblaus mit jener der Stille in der Musik gleichsetzen darf? Ein heikles Unterfangen. Und doch wird das Blau des Himmels von den Romantikern als rein und tief und ruhig und klar beschreiben, ja es ist heiter still, es hat in dieser Reinheit und Ruhe auch etwas Naives, etwa wenn Eichendorff ein Mädchen beschreibt "dessen Seele war wie das Himmelblau, in dem jeder fremde Schall verfliegt, das aber in ungestörter Ruhe aus sich selber den reichen Frühling ausbrütet". Stille also: das Band der Zeit hinter den Tönen, erscheint uns wie der unendliche Raum hinter den Gegenständen.

Wann wird den Musikern das erstmals voll bewusst? In der Generalpause zu Jesu Tod in der "Matthäus-Passion", in den kargen "Nuages gris" des späten Franz Liszt, in den sparsamen Tonkonstellationen des Anton Webern? Hier begegnen wir interessanterweise auch wieder einer Art "armen Kunst", einer aufs Wesentliche reduzierten Tonsprache, die plötzlich den Blick, das Horchen frei macht auf das, was dahinter ist. Aber liegt dahinter nicht immer noch ein letztlich idealer, goldener Untergrund, vor dem diese Musik erscheint? Bis John Cage mit seinem Stück "4’33" schlagartig und auf zunächst schockierende Weise ins Bewusstsein rückt, dass die Stille geräuschvoll ist, dass diesem Nichts unendlich viele Nüancen abzugewinnen sind. Das Horchen auf die Stille gleicht dem Blick, der durch den Himmel gleitet, auch wenn sich der nicht bewegt.

Das war und ist noch eine grundlegende Erfahrung. Seltsamerweise aber lässt es einen in der Zeitkunst Musik weitaus unbefriedigter, einfach etwas - oder nichts - hinzustellen und zu betrachten. Ein "monochrome bleu" ist in der Musik schwieriger auszuhalten, weil wir in der Zeit verharren müssen. In der Musik kommt meist etwas Bewegung hinzu: Das Ohr will die Stille nicht einfach erfahren, (vor allem wenn sie wirklich still ist), es nimmt sie lieber hinter einem sich wandelnden Vordergrund wahr. Die meisten der noch so radikalen Klanginstallationen belassen dem Klang diesen Rest von Aktion, von Gestalthaftigkeit. Die Stille wird belebt.

Was macht Inge Dick in "Bleu du ciel", etwa in der Serie 1999/12? Sie lässt aus dem monochrom scheinenden Hellblau durch stetiges Vergrössern die einzelnen Farbpixel hervortreten. Sie belebt diese Ruhe, lässt Tiefe entstehen, bis die Pixel durch weitere Vergrösserung wieder bei einer monochromen Fläche angelangt sind. Es ist ein Prozess der Wahrnehmung, bei dem die Kamera zum Medium wird. Lässt sich derlei in Musik darstellen? Roland Dahinden wählt nun nicht etwa ein analoges Verfahren, indem er zum Beispiel Stille durch ständiges Verstärken (und Rückkoppeln) hin zum Lärm führt. Das könnte nicht funktionieren. Er hat zu den Bildern von Inge Dick schon mehrmals andere, musikimmanente Entsprechungen gefunden. Zur Bildserie "lichtweiss", bei der aus dem zunächst einheitlich wirkenden Weiss Farbtöne hervortreten, hat er etwa vier gleichnamige Vibraphonstücke geschaffen: In zunächst homogenen Tonkonstellationen lässt er sanft Färbungen aufleuchten und erweitert so das Farbenspektrum. Das wird auch in "himmelblau" wichtig: zu den eingangs exponierten und im Verlauf, freilich nicht nach einer strengen Vorgabe wiederholten Tönen treten neue hinzu, neue Klangfarben, herbe Tönungen auch: So als liesse die Vergrösserung der Klangpixel mehr Tonhöhen zu, so freilich auch ein bisschen, als würde man beim aufmerksamen Betrachten des (diesmal nächtlichen) Himmels immer tiefer liegender Sterne gewahr.

Himmelsraum: In der Auseinandersetzung mit "Bleu du ciel" lässt Roland Dahinden eben gerade eine Räumlichkeit entstehen. Ton-Gestalten, hohe Naturflageoletts von Cello und Viola, treten als Farbtöne aus der Stille in diesen Raum hervor und verschwinden wieder. Das beansprucht eine dreidimensionale Darstellung. Gibt es diesen Raum in der Musik? Der ideale Raum dafür ist der Kopf, und so ist es folgerichtig, das Hören ins Innere zu führen, im Kopf einen inneren Hörraum zu gestalten. Langsam "entdecken", so scheint es, die beiden Ohren, "entdeckt" das dazwischen liegende Hirn, "entdeckt" auch die Aufmerksamkeit den inneren Hör-Raum. "Musik für Kopfhörer" erhält somit eine doppelte Bedeutung. "Für Kopfhörer" meint natürlich die kleinen Lautsprecher, die man sich ins oder ums Ohr hängt. Es meint aber auch den Hörer, der nur in seinem Kopf hört. In "himmelblau" also erzählt sich das Hören auch etwas über den eigenen Hör-Prozess. Der Kopfraum wird zum Vorstellungsraum, zu einem Ort der Imagination und damit zu einem Himmels(t)raum, den wir ja auch nicht wirklich "sehen", denn wir blicken durch den Himmelsgrund. Was das Auge bindet, ist eben nur jenes Blau. So hier im Ohr die Stille.

Gewiss wären manche dieser "Wirkungen" mit entsprechender Lautsprecherverteilung auch in einem grossen Raum denkbar. Die Intimität jedoch, die sich im Kopf kondensiert, die dort auf den Punkt kommt, macht Differenzierung möglich. "himmelblau" hörend, bekommt man den Eindruck, den Ansatz- und den Endpunkt eines Tons genau im Kopf-Raum lokalisieren zu können. Es sind Linien, ja fast Vektoren, die in den, die im Raum gezogen werden. Manchmal führen sie nicht weit, manchmal gleichen sie eher Punkten. Einzelne erscheinen gleichsam fix oder sie kommen einem zumindest im Lauf des Stücks vertraut vor. Manche führen geradlinig durch diesen Raum, andere aber in Schleifen, die irgendwo unten beginnen und über den inneren Hör-Bildschirm schliesslich nach oben gelangen.

Zu diesem ersten Eindruck tritt hinzu, dass diese Töne, die nur zu zweit oder höchstens zu dritt erklingen, allmählich im Hören ihre eigene Farbe erhalten. Die zu erhaschen heisst auch die richtige Lautstärke fürs Hören zu finden. Dieses Ineinanderübergehen von Farbe und Räumlichkeit der Klänge geht so weit, dass man den Auf- und Abstrich des Bogen als räumliche Komponente wahrnimmt. Und auf einmal begreift man die Töne als einzigartige Individuen, vor dem Band der Stille, vor der "Bleu du ciel"-Serie auch, das man vielleicht vor den inneren Augen hat. War’s das nicht auch, was mit der Entdeckung des himmlischen Blaus eintrat: die Entdeckung der Persönlichkeit. So karg diese Töne vielleicht aufs erste wirken mögen, so entfaltet sich doch jeder in seiner ganz eigenen Färbung, seiner eigenen Lebendigkeit.

Thomas Meyer

Stones liner note (En)

Flying White liner note (En)
Flying White liner note (De)

Silberen liner note (En)
Silberen liner note (De)
Silberen liner note (Fr)

Concept of Freedom liner note (En)

Naima liner note (En)

Im Hier und Jetzt - Seiltanz

Die Poesie der Möglichkeiten

Sound as a realm of experience.
On the work of composer Roland Dahinden (En)


Spuren im Klangraum; Die Signatur des Erhabenen bei Roland Dahinden

Essay von Thomas Meyer für "bleu de ciel" von Inge Dick

Aus dem Möglichen Schöpfen

Nuancen im Weissen

first the artist defines meaning/then the work takes place (De, Eng)

Collaboration/Zusammenspiel (De, Eng)