roland dahinden | composer – performer
Eva Meyer
Collaboration/Zusammenspiel


Es gibt keinen Ort außerhalb der Aktualität von Beziehungen. Sagen wir es also noch einmal: Der Anspruch auf eine privilegierte Wahrnehmung, sei er politisch noch so korrekt oder wissenschaftlich noch so fundiert, reproduziert immer, was er zu kritisieren scheint, solange er sich selbst nicht unter anderen begreift. Es gibt keine Erfahrung, die einen idealen und wesentlichen Stellenwert hat, und wir können ihre irreduzible Einzigartigkeit nur bewahren, wenn wir auch und gleichzeitig ihre Wiederholung wahrnehmen. Ihre Abhängigkeit von anderen und ihre Wirkung auf andere. Erst wenn Wiederholung und Vorstellung ineinander übergehen, kommt ihr Gemeinsames auf. Man weist nicht mehr einer anderen Erfahrung einen geringeren Stellenwert zu, weil es sich erübrigt hat.

Und schon sind wir mittendrin, in den Variationen um ein niemals direkt zu bestimmendes Thema, so verschieden wird es gespielt. Sollte eine Variation vorübergehend privilegiert werden, dann nicht um sie auszuzeichnen, sondern um sie einzufügen, in ein Ensemble von sich Überlappenden und Überschneidenden Bezügen, deren rhetorische Trennung nur wieder Herrschaft ist.

Wenn es keine unmittelbare Erfahrung oder Reflexion der Welt in der Sprache eines Texts gibt, so nicht deshalb, sagt Said, weil jeder Text nicht von dieser Welt wäre, sondern weil er eine zu reiche Mischung aus ihr ist, als dass man von ihm behaupten könne, er reflektiere eine Erfahrung. Kein Bild reicht an dieses Gebilde heran, in dem so viele Interessen und Ideen sich gegenseitig erhellen und bestreiten und ganz beschäftigt miteinander sind. Und doch fragen wir uns, wie man ein solches Gebilde jenseits einer bestimmten und bestimmenden Beziehung beglaubigen kann: Wie man eine besondere Zeugenschaft und also diese Eigenschaft, die uns immer abgesprochen wird, wenn sie sich nicht in allgemeinen Begriffen darstellt, in einen praktischen Bezug zu den gegenwärtigen theoretischen Erfordernissen bringt.

Gewiss sollte man nicht zu sehr verallgemeinern, damit diese Eigenschaft nicht verschwindet. Und gewiss ist sie die Vision einer Augenblicks, die wir mit den verschiedenen Revisionen juxtapositionieren müssen, die sie eben deshalb immer wieder hervorruft, weil sie aus ihnen hervorgegangen ist. Man schreibt auf einen vorgeschobenen Posten und wartet doch noch auf einen Gedanken, der über das bisher Gesagte hinausgeht. Und hat eben deshalb wie nie zuvor Gelegenheit, es zu sagen: Da man nur darüber schreiben kann, worüber man nicht Bescheid weiß, ist ein Gedanke, mit dem man die Verwirklichung seiner Vorstellung aufgibt und sich auf ein Zusammenspiel mit der Wiederholung eingelassen hat.

Was man nun fürchtet, ist, dass man untergehen soll, in einem Spiel von Unterschieden, die vom Identischen befreit und vom Negativen losgelöst sind. Wenn ihr Zusammenspiel einen ihm eigenen Grad an Positivität erreicht, kommt es auf eine ihm selbst innewohnende Variation, die keine Verwendung für ein Zentrum hat. Es ist nicht so, da es da keine Variationen mehr gäbe. Es ist nur so, dass sich nicht mehr in die Aufeinanderfolge zentraler Wahlentscheidungen zu bringen sind. Also imitiert man nicht, sondern nimmt sich ein Beispiel an Deleuze, der zu konjugieren begonnen hat: UND ist sich selbst nie genug und tut sich nie genug daran, es zu sagen: UND, UND, UND. UND gibt es schon zwischen zweien, ohne dass es eins von beiden wäre, noch eins zum anderen macht. UND ist beispielhaft einzigartig und also vielfältig in sich.

Doch was man immer noch fürchtet, ist, dass man sich niemals wieder findet, jetzt, da man sich von der Fluchtlinie des UND mitgerissen fühlt. Man weiß nicht, was aus einem werden soll, wenn man das Erinnern aufgegeben hat. Aber man weiß, dass man das, was noch aussteht, nicht einfach nachahmen kann. Man kann die Zukunft nicht vorwegnehmen, indem man von ihr spricht, aber man kann ihr schreibend einen Text geben, der wiederum dem Schreiben ein Werden gibt.

Aber die Frage ist doch, um wessen Zukunft es sich da handeln soll? Und durch welche Vorstellung sie hindurch muss, damit sie mit der Wiederholung zusammenspielen kann? Und nicht mehr die Vermittlung bemüht, die ihre Quelle in der Allgemeinheit der Begriffe hat, sondern uns ein Verhältnis zum Unersetzbaren gibt, das seine Logik im Einzelnen hat.

Wenn die Wiederholung auf ein Subjekt verweist, das sich selbst wiederholt, beruft es sich auf die Form des Selben in der Repräsentation, der es in seiner Wiederholung entsprochen hat. Wird aber die Wiederholung von unterschiedlichen Subjekten ausgesagt, die dennoch denselben Begriff von Wiederholung haben, wird der innerlich begriffliche Unterschied und die Wiederholung als äußerlicher Unterschied von Objekten unter demselben Begriff repräsentiert und der innerliche Unterschied zu einem unbegriffenen gemacht. Doch noch bevor sie ein Objekt repräsentieren, gibt es innere Unterschiede, die sich schon selbst dramatisieren. Da gibt es keine Ratlosigkeit von der Art, dass man nicht weiß oder klug daraus werden kann, wo man ist. Man vermisst nicht den endlichen äußerlichen Unterschied zwischen Subjekt und Objekt, wenn man sich mit sich selbst unterhält und den Begriff selbst zum Gegenstand einer Begegnung macht. Man ist dann eine generative Autorität, zugleich Bewegung einer Gedankens und eine Sprache, die nicht wie ich, sonder mit mir zusammen in kleinen Unterschieden den Innerraum dieses Gedankens schafft.

Immer schon von Unterschieden affiziert, ist die Wiederholung nur dann den Kategorien der Allgemeinheit unterworfen, wenn sie die Wiederholung einer von ihr verschiedenen Ordnung ist. Deleuze präzisiert, dass es eben die Nichtentsprechung von Unterschied und Wiederholung ist, in der die Ordnung des Allgemeinen sich begründet und die Wiederholung schwächt, indem sie sie nach allgemeinen Gesetzen variiert. Doch eine immer genauere Entsprechung erneuert das Thema der Wiederholung. Gegenüber dem allgemeinen Gesetz und auch der Besonderheit des Erinnerns, soweit es das Erinnern der in der Allgemeinheit ruhenden Besonderen ist, ist die Wiederholung Rückkehr, doch rein formal gedacht.

Es ist, als wäre das Problem der Innerlichkeit, ob eine Wiederholung möglich ist, auf eine äußerliche Weise ausgedrückt. Als sollte die Wiederholung, wenn sie möglich wäre, außerhalb des Individuums stattfinden, obwohl sie ja doch im Individuum stattfinden muss. Für Kierkegaard ist die Wiederholung der Ausdruck der Immanenz auf der Basis der Transzendenz. Sie ist die zweite Potenz des Bewusstseins. Nicht die erste Potenz zum zweiten Mal, sondern direkt ein Unterschied gleichen Grades. Die Wiederholung seiner Bedingung, die ihm nur als wiederholte gegeben ist. Zugleich von ihr abgetrennt und in ihr entzweit. So reflektiert und erfährt sich das Subjekt. Es hat keine abstrakten Attribute, sondern andere Subjekte als Eigenschaft.

Nun kann man sagen, dass man nie mehr bevölkert war als jetzt. Man geht seiner eigenen Sache nach und hat eben deshalb wie nie zuvor Gelegenheit, den anderen zu treffen. Wiederholend trifft man immer auf einen anderen, der gerade im sich selbst Vorstellen begriffen ist. Man muss nicht für ihn wiederholen, an seiner Stelle oder aus Anlass von ihm. Da jede Repräsentation bereits Vermittlung ist, ist es klar, dass es keine Repräsentation dieser Wiederholung gibt. Wir sind aus Tiefen und Entfernungen gemacht, die sich einander über die Zwischenräume der Einsamkeit hinweg durchdringen. Einsamkeit ist nicht das abstrakte Attribut des Ich, da sie im Gegenteil die Eigenschaft seines Zusammenspiels ist. Gerade weil es vor Vermittlung geschützt ist, ist das Zusammenspiel Rückkehr - in eine Welt, in der man unter anderen ist.




Eva Meyer
Collaboration/Zusammenspiel


There is no place outside the actuality of relations. So let us reformulate: the claim to a privileged perception, no matter how politically correct or scientifically sound, always reproduces what it seems to criticize, as long as it does not see itself as existing among others. There is no experience which has an ideal or essential rank, and the only way we can maintain its irreducible singularity is by also and simultaneously registering its repetition: its dependence and effect on others. Only when repetition and conception merge, does that which they have in common emerge. You cease to reduce another experience to a lower rank because there is no longer a need to do so.

And thus we find ourselves in the midst of things, in the variations of a theme that can never be directly specified because it is played in so many different ways. If one variation is temporarily privileged, it is not in order to make it stand out but in order to integrate it into an ensemble of overlapping and intersecting references, whose rhetorical segregation just becomes dominance again.

If there is no immediate experience or reflection of the world in the language of a text, it is not, as Said says, because the text is not of this world but because it is too rich a mixture of it for it to be claimed that the text reflects one specific experience. There is no image that can capture this structure in which so many interests and ideas illuminate and contest each other, and in which they are so very engaged with one another. And yet, we ask ourselves how such a structure can be authenticated beyond some specific and specifying relation: how a particular testimony, and hence that quality which we are always denied if it does not present itself in universal terms, can be made to relate on a practical level to current theoretical exigencies.

Certainly we should not universalize too much so that this quality does not disappear. And certainly it is the vision of a moment, a vision that has to be juxtaposed with the diverse revisions that it incessantly calls forth precisely because it has originated from them. You are writing from an outpost, yet you are still waiting for an idea which goes beyond what has been said so far. And it is for this very reason that you have the opportunity to say it as never before: that you can only write about what you don’t know, and with this thought you have abandoned the realization of your conception and have let yourself in for and interplay with repetition.

What you now fear is that you are going to drown in a play of differences that are stripped of the identical and severed from the negative. If their interplay attains its own degree of positivity, it arrives at a variation inherent to it, which has no use for a center. It is not that all variations had ceased to exist there. It is only that they can no longer be brought into a sequence of central choices. Hence you do not imitate, but you follow Deleuze who has begun to conjugate: AND is never enough in itself and has never enough of saying: AND, AND, AND. AND exists already where there are two, without being one or the other, or turning one into the other. AND is exemplary and singular and hence manifold in itself.

Yet what you still fear is that you will never be able to find yourself again, now that you feel swept away by the AND’s line of flight. You don’t know what shall become of you in you give up recollection. But you do know that you can in no way mimic what is yet to come. You cannot anticipate the future by talking about it, but in writing, you can give it a text that in turn grants writing a becoming.

But the question is: whose future should this all be about? And which conception does it have to go through for it to be able to interplay with repetition? And no longer to bother with mediation, which has its source in the universality of concepts, but to give us a relation to the irreplaceable that has its logic in the singular.

If repetition refers to a subject that repeats itself, the subject makes reference to the form of the same in the representation which it corresponded to in its repetition. But if repetition is uttered by different subjects which have the same concept of repetition, the interior difference of objects are represented under the same concept, making the interior difference something that remains ungrasped. Yet even before representing an object, there are inner differences which dramatize themselves on their own. There is not that kind of perplexity in which you do not know or cannot make sense of where you are. You do not miss the finite exterior difference between subject and object, if you converse with yourself and make the concept itself the subject of encounter. You are then a generative authority: both the movement of a thought and a language that through minute differences creates the interior of this thought – not like me but in collaboration with me.

Always already affected by differences, repetition is only subject to the categories of universality if it is the repetition of an order different from itself. Deleuze specifies, that it is precisely the non-correspondence of difference and repetition on which universal order is based , weakening repetition by varying it according to universal laws. But an ever closer correspondence renews the theme of repetition. In contrast to universal law and the particularity of recollection, insofar as it is the recollection of particulars embedded in the universal, repetition is return, conceived of in purely formal terms.

It is as though the problem of interiority, whether repetition is possible, were expressed in an exterior manner. As though repetition, if it were possible, was to occur outside the individual, even though it has to occur within the individual. For Kierkegaard, repetition is the expression of immanence based on transcendence. It is consiousness raised to the second power. Not the first power for the second time, but directly a difference of the same degree. The repetition of difference’s precondition which is only inherent to it as the repeated one. Simultaneously severed from it and divided in it. So the subject reflects and experiences itself. It has no abstract attributes, but instead other subjects as qualities.

Now you can say that you have never been more populated. You go about your own business and hence have more opportunities than ever to meet the other. By repeating, you always meet others who are in the process of conceiving and presenting themselves. You do not have to repeat for them, in their stead or due to them. Since every representation is already mediation, it is obvious that this repetition has no representation. We are composed of depths and distances that pervade one another across the interstices of solitude. Solitude is not the abstract attribute of the self; it is, to the contrary, the quality of its interplay. Precisely because it is protected from mediation, interplay is return – return into a world where you are among others.

Stones liner note (En)

Flying White liner note (En)
Flying White liner note (De)

Silberen liner note (En)
Silberen liner note (De)
Silberen liner note (Fr)

Concept of Freedom liner note (En)

Naima liner note (En)

Im Hier und Jetzt - Seiltanz

Die Poesie der Möglichkeiten

Sound as a realm of experience.
On the work of composer Roland Dahinden (En)


Spuren im Klangraum; Die Signatur des Erhabenen bei Roland Dahinden

Essay von Thomas Meyer für "bleu de ciel" von Inge Dick

Aus dem Möglichen Schöpfen

Nuancen im Weissen

first the artist defines meaning/then the work takes place (De, Eng)

Collaboration/Zusammenspiel (De, Eng)