roland dahinden | composer – performer

Die Poesie der Möglichkeiten

Die Zuger Hildegard Kleeb und Roland Dahinden leben und arbeiten seit 25 Jahren zusammen: Ein Musikerpaar, das sich von der Bildenden Kunst inspirieren lässt.


-pb. „Vor 24 Jahren, als wir die ersten Male spielten, waren wir oft frustriert. Wie wollten wir es schaffen, Klavier und Posaune zusammen zu bringen, einen eigenen Sound zu generieren?“, sagt Hildegard Kleeb, die Pianistin. Ihr Partner nickt. „Wir mussten zuerst einen Sound finden. Klang für Klang haben wir daran gearbeitet. Jahrelang“, sagt Roland Dahinden, der Posaunist.


Jetzt sind die beiden an einem Punkt, wo es stimmt, wo Musik entstehen kann. Das lässt “Recall Pollock” hören, ihre erste Duo-CD seit vielen Jahren. Die beiden Instrumente sind autarke Stimmen mit je ihren Eigenheiten, können aber auch zu einer Einheit verschmelzen, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Klingende Kunst, die ganz natürlich spricht.


Familienleben

Roland Dahinden und Hildegard Kleeb sind ein Ehepaar und ein professionell arbeitendes Künstlerpaar. Ihre Hingabe an die Kunst ist so konsequent wie beispielhaft und inspiriert auch Aussenstehende. Familienleben und Berufsleben gehen Hand in Hand, befruchten einander, fordern heraus. Beide haben ein Pensum an der Musikschule, wo sie Klavier, Posaune und Improvisation unterrichten.


Die Musik findet nicht im Elfenbeinturm statt, sondern ist im Leben und im Alltag eingebettet. „Die Tatsache, dass Hildegard meine Frau ist und wir mit unseren zwei Kindern eine Familie bilden, schwingt immer mit, bei allem, was wir musikalisch machen. Wir sind nicht einfach Duo-Partner, die zusammen Musik machen. Der Hintergrund ist anders“, sagt Roland. Hildegard lächelt: „Es ist halt einfach so eine Kiste.“ In der Kiste gibt es Euphorien und Konflikte. Es können auch die Fetzen fliegen, wie beide sagen.


Handkehrum entwickelt die gemeinsame Arbeit durch Höhen und Tiefen eine musikalische Kraft und Dichte, wie sie nirgendwo sonst geübt oder erworben werden kann. „So kann nur spielen, wer lange zusammen ist“, kommentierte ein Jazzkritker ein Konzert der beiden. Die Energie dieses Wirkens hat offensichtlich auch ihre zwei Töchter, Anna (19) und Luisa (17) inspiriert. Anna spielt Violine und E-Bass, Luisa singt, spielt Bratsche und hat ein eigenes Singer Songwriter Duo .

 

Bildende Kunst

Ein Brennpunkt ihrer musikalischen Entwicklung war die Begegnung mit dem amerikanischen Musiker und Komponisten Anthony Braxton, eine der zentralen Persönlichkeiten im zeitgenössischen Jazz der letzten 50 Jahre. 1992-1995 war Dahinden während seines Studiums in den USA Assistent von Braxton. Kleeb spielte in dieser Zeit das Klavierwerk von Braxton auf vier CDs ein und arbeitete mit dem Komponisten Alvin Lucier. Sie ist eine hervorragende Pianistin mit klassischer Ausbildung. Koryphäen wie John Cage oder Christian Wolff haben Werke für das Duo geschrieben.


Obwohl sie Musiker sind, haben sie beide eine innige Beziehung zur Bildenden Kunst. Sie ist zur Richtschnur des Schaffens geworden. So lässt „Recall Pollock“ die Gestiken, den Drive und die quasi mikrotonale Faserung der Farbkleckse des wilden Expressionisten musikalisch aufleben. Es sind nicht direkte Interpretationen von spezifischen Gemälden, als vielmehr Verinnerlichungen einer abstrakten Bilderwelt, die ihnen sehr nahe ist. Dahinden liebt die abstrakte Sprache, sei sie nun visuell oder akustisch. „Sie zwingt nicht auf, sondern ist eine Offerte. Sie ist eine Poesie der Möglichkeiten.“

Für Hildegard Kleeb gibt es nichts Schöneres, als befreundete Kunstschaffende in ihrem Ateiler zu besuchen und dort Bilder zu betrachten. Stundenlang. Die Strukturen und Schraffuren der Kunstwerke, die Details der Farbgestaltung, der inhärente Drive des Malens, die Formengebung: All das liest die Musikerin wie eine Partitur, die sie zu neuen Klängen und Soundvorstellungen am Flügel inspiriert. In der solistischen Arbeit transformiert sich Kleeb selber zur bildenden Künstlerin. „Ich habe die Vorstellung des Flügels als Skulptur, die im Raum steht und klingt. Der Flügel als eine Soundmasse, an der ich wie eine Bildhauerin arbeite.“


Fundament

Bei aller Fokussierung auf die Musik und die Kunst sind Dahinden und Kleeb keine abgehobenen Geister. Sie sind wach und interessiert. Wenn sie sich mal wieder in Gitschenen befinden, wo sie mit ihren Kindern jahrelang die Ferien verbrachten, fühlen sie sich dort mit den Urner Älplerfamilien mindestens so wohl wie zuhause im reichen Städtli. Im Januar reisen sie in die USA, um mit Anthony Braxton eine Trio-CD einzuspielen. Alltag und Kunst durchdringen sich, sind Energie und Stoff zum Leben. Man spürt, sie haben sich ein Fundament geschaffen.


Vor gut zwei Jahren bauten sie in Gitschenen ein schlichtes Holzhaus mit Atelier. Es ist ihr Rückzugsort, der mittelfristig zu ihrem Lebensort werden soll, wo auch kleine Konzerte und Ausstellungen stattfinden können. “Ein Haus der Möglichkeiten”, sagt Roland.


Roland Dahinden / Hildegard Kleeb: Recall Pollock, Leo Records, London

(Zentralschweiz am Sonntag, 23. Dezember 2012)

Stones liner note (En)

Flying White liner note (En)
Flying White liner note (De)

Silberen liner note (En)
Silberen liner note (De)
Silberen liner note (Fr)

Concept of Freedom liner note (En)

Naima liner note (En)

Im Hier und Jetzt - Seiltanz

Die Poesie der Möglichkeiten

Sound as a realm of experience.
On the work of composer Roland Dahinden (En)


Spuren im Klangraum; Die Signatur des Erhabenen bei Roland Dahinden

Essay von Thomas Meyer für "bleu de ciel" von Inge Dick

Aus dem Möglichen Schöpfen

Nuancen im Weissen

first the artist defines meaning/then the work takes place (De, Eng)

Collaboration/Zusammenspiel (De, Eng)