roland dahinden | composer – performer
Aus dem Möglichen Schöpfen

Der Umgang mit Möglichkeiten fällt uns allgemein eher schwer. Wir suchen das Präzise und Detailierte, den Termin- und den Stadtplan, um uns in einer strukturierten, erwartbaren und beurteilbaren Umgebung zu bewegen. Nun macht uns aber die zeitgenössische Umwelt einen gründlichen Strich durch die Rechnung, weil sie so komplex geworden ist und sich derart schnell ändert, dass sie sich wie ein Ameisenhaufen gerade durch ihre Ausdifferenziertheit von der Kategorie der Tatsachen weg auf diejenige der Möglichkeiten zubewegt (was unter dem Schlagwort "Virtualität" bereits mehr als zur Genüge zersprochen und zerschrieben wurde).
Interessanterweise gerät durch dieses Neueste aber auch das "Älteste", nämlich Urspünglichste ins Blickfeld, dasjenige, was naturgemäss meist unbeachtet bleibt, weil es den eigentlichen Hinter- und Untergrund der menschlichen Existenz abgibt: dass sich der Mensch durch den Grad seiner Vermöglichung, seines Geworfenseins in Möglichkeiten, von allen anderen Lebewesen unterscheidet.
Der Umgang mit Möglichkeiten verunsichert uns also deshalb so sehr, weil sie unser Lebendigsein spürbar machen, das so oft in den gesicherten Alltagsstrukturen von Gewohnheiten, Terminplänen und allgemeiner Geschäftigkeit etwas allzu tief schlummert; weil sie die scheinbare Notwendigkeit und Festgefügtheit unseres jeweiligen Lebens grundsätzlich in Frage stellen - weil sie uns daran erinnern, dass auch alles anders sein könnte. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, auf diese Situation zu reagieren: entweder man versucht, sich durch einen noch individuelleren Lebensstil etc. noch stärker zu verankern; oder man bemüht sich darum, die Vermöglichung mehr oder weniger (oder wenigstens in bestimmten Gebieten) zu akzeptieren, zu bedenken, zu erfahren, zu erkunden.
Schaut man sich um, so wird schnell klar, welcher Weg für gewöhnlich gewählt wird. Doch während es für den Einzelnen durchaus möglich ist, sich diesen Realitäten zu entziehen, so scheinen sich ganz ähnliche Probleme auf der Ebene der Gesellschaft zunehmend konkreter und unausweichlicher zu stellen.



"kompositon kamm - ein klangraumprozess für violoncello und live electronic" von Roland Dahinden verwirklicht zwei kompositorische Entscheidungen: erstens basiert das Stück in jeder nur denklichen Hinsicht auf Primzahlen, zweitens auf dem Prinzip ständiger Veränderung.
Während ersteres vor allem den Akt der Kompositon beeinflusste, so bestimmte die zweite Entscheidung unmittelbar den Höreindruck: das Stück tauchte den Raum, die Skulptur und die Menschen für die Dauer der Aufführung in ein zunehmend dichteres, fluktuierendes Klanggewebe. Dabei nimmt der Komponist die Skulptur als selbstverständliche Gegebenheit, als Gehäuse, in dem der Cellist Michael Moser spielt, während sich die Zuschauer auf beiden Seiten ausserhalb der vorspringenden Öffnungen in zwei von je vier Lautsprechern begrenzten Auditorien befinden. Die Anordnung der Menschen entspricht also einem bereits von der Skulptur vorgegebenen Beziehungsfeld. Auch die verwendete Live-Elektronik ( Konzeption: Robert Höldrich, Realisierung: Alois Sontacchi in einem Nebenraum mit Sichtkontakt zum Musiker) erlaubt es, Aspekte und Ansätze der Skulptur aufzugreifen und zu verarbeiten: sie verteilt in diesem fünfsätzigen Stück nicht nur die vom Cello gespielte und durch ein Mikrophon aufgenommene Musik nach Zufallsprinzipien live und für jedes Auditorium unterschiedlich auf die Lautsprecher, sondern tut dies auch mit den bereits gespielten und aufgenommenen Sätzen, und zwar bei jeder Wiederholung anders.
Während also das Innere der Skulptur den Ort der realen Klänge bildet - eine Art Kern der Präsenz -, so unterliegen die beiden Zuschauerbereiche einer zunehmenden Anreicherung und Virtualisierung durch die bereits gespielte Musik, die sich ständig durch den Raum bewegt, hier verebbt und dort wieder auftaucht, sich dadurch von den Liveklängen unterscheidet und das Gefühl für die Räumlichkeit schärft, da die Klänge nicht wie in der üblichen Konzertsituation nur aus der Blickrichtung, sondern von allen Seiten her kommen. So entsteht ein mit jedem Satz komplexeres Raum-Klang-Gewebe, das irgendwann so dicht und vielgestaltig wogt, dass sich die Verhältnisse umkehren. Was zuerst die Räumlichkeit bewusster machte (und dadurch auch die eigene Gegenwart, das eigene Hier-und-Jetzt-Sein), das gestaltet sie jetzt um zugunsten einer ebenso intensiven wie unfassbaren Lauthülle, in der es immer schwieriger wird, auf ein einzelnes Ereignis zu hören. Dieses Sich-Durchdringen der einzelnen Schichten des Stücks hängt eng mit dem Material der Komposition zusammen, das aus zwei sich abwechselnden Gestalten besteht.
Erstens sind dies langgezogene Töne, Tonlinien, die aber durch kontinuierliche Änderungen des Spielortes auf der Saite nie einen statischen Eindruck machen, sondern vielmehr unterschiedliche Prozesse zu durchlaufen scheinen: mal wird der Klang schärfer, aggressiver, mal weicher und breiter, mal dünner und luftiger. Zweitens sind dies Tongruppen, die so schnell gespielt werden, dass sie praktisch nur als verwischte, luftige Bewegungen wahrgenommen werden. Diese zwei Gestalten wechseln sich unaufhörlich ab, wobei die Länge der Tonlinien ( zwischen 3 und 13 Sekunden) und die Anzahl der Töne innerhalb der Tongruppen (zwischen 3 und 17) variieren (wobei immer nur die entsprechenden Primzahlen vorkommen, also 3, 5, 7, 11, 13, 17), sodass sich kein festes Verhältnis einspielt, sondern mal eher die Tonlinien, mal eher die Tongruppen in den Vordergrund rücken. Mit der Zeit wird die Gegensätzlichkeit der beiden Gestalten immer deutlicher. Während die Tonlinien einen fast tranceartigen Sog ausüben, wirken die Tongruppen ernüchternd und belebend, schon nur durch die Aufmerksamkeit, die ihr Hören verlangt. Während also die Tonlinien Zeit lassen, um sich in sie zu versenken, wirken die Tonlinien wie eine Herausforderung an das Unterscheidungsvermögen des Zuhörers, weshalb dieser je länger je mehr zwischen entspannterem und gespannterem Hören zu schwanken beginnt. Betrachtet man die beiden Gestalten genauer, so lässt sich diese Gegensätzlichkeit bis in die elementare Räumlichkeit hinein verfolgen. Ein langer, sich verändernder Ton hat die besondere Eigenschaft, zu seinem eigenen Hintergrund zu werden. Der Ton artikuliert sich ja nicht gegenüber anderen Tönen, sondern gegenüber seinen vorherigen Stadien und erzeugt dadurch aus sich selbst heraus einen Klangzeitraum, eine Verschmelzung von Zeit und Raum, die einen sogartigen Effekt ausübt: man hat den Eindruck, immer tiefer in den Ton einzudringen, dessen auf den ersten Blick rein klangliche Veränderungen mit und in der Zeit auch als räumliche Veränderungen (Verengung - Ausdehnung / Verdichtung - Auflösung / vertikale - horizontale Gerichtetheit) gehört werden können. Bei den Tongruppen verhält es sich genau umgekehrt. Die einzelnen Töne (oder eigentlich Stadien der Bewegung) grenzen sich gegeneinander ab und die Tongruppe als Ganze unterbricht gewissermassen die Tonlinien, sodass in jeder Hinsicht ein Aussenbezug gegeben ist: die Tongruppen zeichnen sich mit ihrer Bewegtheit explizit vor einen Hintergrund. Während sich nun aber die Gegensätzlichkeit im ersten Satz nach und nach entfaltet (bzw. die Wahrnehmung sich auf die Gegensätzlichkeit einschwingt), nimmt ihre Bedeutsamkeit mit jedem weiteren Satz ab, weil die sich überlangernden Schichten keine identische Strukturierung aufweisen. Es entsteht vielmehr aus dem Übereinanderblenden von Tonlinien und Tongruppen eine dritte, eigenständige und einheitliche Gestalt, die zwar aus den rezeptionsästhetischen Eigenschaften der beiden anderen Elemente erzeugt, aber nicht einfach als Addition gehört wird: die Tongruppen unterbrechen jetzt nicht mehr die Tonlinien, sondern werden gewissermassen zu deren innerer Bewegtheit, zu einer Art komplexer Faserung, während die Tonlinien sich zu einem kontinuierlichen Strang schichten. Dieser Eindruck wird noch durch das physikalische Phänomen der Summationstöne verstärkt. Dabei handelt es sich um Klangereignisse, die durch das Aufeinander-Einwirken der einzelnen gespielten Töne überhaupt erst entstehen, wobei im Falle der "kompositon kamm" vor allem sehr tiefe, resonanzähnliche Phänomene auffallen, die unmittelbar körperlich gespürt werden wie im Raum sich zusammenballende Klangwolken. Dieser kontinuierliche Strang, dieses Sich-Durchdringen der einzelnen Schichten des Stücks wirkt dank der Herausbildung dieser dritten Gestalt nicht etwa wie ein Durcheinander, sondern erinnert eher an das Prinzip der Primzahlen - unterteilt und doch "unteilbar" zu sein - und lässt eine besondere Form von Intensität entstehen, ein durch und durch lebendiges, vibrierendes Klangereignis, das durch die gleichzeitige Statik - die durchgehende und übergreifende Spannung des Klangbandes - einen unmittelbar meditativen Charakter ausstrahlt. Diese Wirkung lässt sich nicht nur rezeptionsästhetisch, sondern auch intellektuell, nämlich aus der spezifischen Zeitlichkeit des Stücks begreifen: zwar verändert sich unaufhörlich alles, doch findet keine Entwicklung statt, keine Bewegung zu einem aus dem jeweiligen Augenblick ausgelagerten Ziel hin, sondern eher eine quasi-räumliche Ausbreitung in der Zeit selbst, einerseits vertiefend (Tonlinien) andererseits vorwärtsdrängend (Tongruppen). Die durch die Live-Elektronik ermöglichte Simultaneität des an sich nacheinander gespielten Materials modifiziert diese Verhältnisse nocheinmal von Grund auf, da sie durch das Übereinanderblenden der Zeiträume die Linearität der Zeit aufhebt, obwohl sie gerade die Zeitlichkeit selbst - die Veränderung - verstärkt. So entsteht in der intensive Durchdringung von Zeit und Zeitlosigkeit eine eigentliche Zeit-Skulptur, die das Prinzip der Vermöglichung unmittelbar erfahrbar macht.



Peter Baumgartner

Stones liner note (En)

Flying White liner note (En)
Flying White liner note (De)

Silberen liner note (En)
Silberen liner note (De)
Silberen liner note (Fr)

Concept of Freedom liner note (En)

Naima liner note (En)

Im Hier und Jetzt - Seiltanz

Die Poesie der Möglichkeiten

Sound as a realm of experience.
On the work of composer Roland Dahinden (En)


Spuren im Klangraum; Die Signatur des Erhabenen bei Roland Dahinden

Essay von Thomas Meyer für "bleu de ciel" von Inge Dick

Aus dem Möglichen Schöpfen

Nuancen im Weissen

first the artist defines meaning/then the work takes place (De, Eng)

Collaboration/Zusammenspiel (De, Eng)