roland dahinden | composer – performer deutsch  english  
Mein kompositorisches Schaffen gliedert sich in 3 Teile: die concert works, die sound installations und die sound sculptures.

Die concert works (mit oder ohne live electronic) sind für den konzertanten Rahmen konzipiert, wo eine Bühnen-Auditorium-Situation, oder ähnlich anzutreffen ist. Auf der Suche nach einer Konzertsituation, die beim Hörer zu Hause nicht via Stereopanorama abbildbar ist, und somit den live Charakter einer Aufführung betont, konzipierte ich den Klangraumprozess. Dieser verwendet die Möglichkeiten der live electronic. Die concert works gehören zur Kammermusik, wobei die Klangraumprozesse eine orchestrale Klanglichkeit entfalten.

Die sound installations sind für eine spezifische Raumsituation entworfen und sind als verbale Konzepte angelegt. Die Installationen entstehen meist in Zusammenarbeit mit einem/r bildenden Künstler/in.

Die sound sculpture entwickelt sich durch die Begegnung der beiden ersten Teile, wobei diese Begegnung zeit- und/oder ortverschoben stattfindet. Dem Gedanken liegt die Beobachtung zu Grunde, dass der Rezipient eine physische Skulptur oder ein Objekt im Gedächtnis als eine Summe von perspektivischen Seitenansichten zusammensetzt; das Erkennen der Skulptur also eine Leistung des Gedächtnisses ist. Der sound installation wird eine, oder eine Serie von concert works zugefügt. Der Rezipient hört also die installation und die concert work nicht zeitgleich im selben Raum, sondert vernetzt die Klänge im Gedächtnis selber zu einer Skulptur.


Concert works ohne Elektronik

Die concert works ohne Elektronik verwenden, wie zum Teil auch die Klangraumprozesse, die space notation. Hier verwende ich ungefähre Tempoangaben, damit die Interpreten auf die Klangqualität des Konzertraumes und ihre subjektiven und augenblicksbezogenen Befindlichkeiten eingehen können. Hinter diesem Entscheid stehen meine Erfahrungen als Interpret Neuer Musik und Improvisator. Als Interpret schätze ich es, wenn mir ein möglichst grosser Gestaltungsfreiraum vom Komponisten eingeräumt wird. In der zeitgenössischen Musik, und nicht nur da, haben wir eine grosse Tradition von Befehlsgeber und –empfänger. Meine Kompositionen betonen das Moment der Zusammenarbeit zwischen Interpret und Komponist.
In meinem Werk möchte ich Prozesse mit Freiräumen in Gang bringen und auf diese vertrauen, keinen kompositorischen Überbau konstruieren, sondern Raum kreieren damit die Klänge aufblühen können, was in direkter Verbindung mit dem betont hörenden Agieren der Interpreten steht. In den Kompositionen werden keine Geschichten erzählt, sondern ich verstehe meine Kompositionen als mögliche Ausschnitte eines Klangmikrokosmos.


Concert works mit live Elektronik

In meinem Bestreben, die Konzertsituation als ein betontes live Moment zu gestalten, komponierte ich eine Serie von Klangraumprozessen. In diesen Kompositionen wird die Räumlichkeit und der Prozesscharakter besonders gewichtet. Spezifisch am Klangraumprozess ist, dass dieser auf einem sich stetig ändernden additiven Prinzip baut. Die schlichte Addition der Schichten, die vom Computer bei jedem Erklingen anders spatialisiert werden (und in das Auditorium gespielt werden), generieren eine stetige Veränderung der klanglichen Gestalt. Die durch die live electronic ermöglichte Simultaneität des an sich nacheinander gespielten Klangmaterials, bewirkt beim Fortschreiten des Prozesses ein immer dichteres und komplexeres klangliches und räumliches Ereignis.


Sound installations

In den installations wird die Idee der offenen Werkform, wie sie bei der concert works angesprochen wurde, weitergeführt. Die installations sind insofern „zeitlos“, als sie nicht wirklich einen Anfang und ein Ende haben; die Zeit wird lediglich als Vehikel verwendet. Die Kompositionen sind als verbale Konzepte notiert, und ich versuche mit möglichst wenigen Vorgaben eine möglichst präzise akustische und räumliche Situation zu skizzieren, deren Ausgestaltung den Ausführenden überlassen bleibt.
Die sound installations entstehen meist in Zusammenarbeit, oder präziser in Begegnung mit einem/r bildenden KünstlerIn, bzw. deren/dessen Werk, um einen Raum audio-visuell zu gestalten. Die Arbeiten sind ortsbezogen, in situ gedacht. Solche Collaborationen haben mit verschiedenen KünstlernInnen, wie Andreas Brandt, Stéphane Brunner, Daniel Buren, Rudolf de Crignis, Philippe Deléglise, Inge Dick, Rainer Grodnick, Sol LeWitt und Lisa Schiess stattgefunden.


Sound sculpture

Die sound sculpture setzt sich, wie Eingangs beschrieben, aus einem zeitlich und/oder räumlich getrennten installativen und performierten Teil zusammen. Die phänomenologische Beobachtung, wie wir ein Objekt erkennen, wurde mir bewusst, als ich die Skulptur ‚Le Penseur‘ von Auguste Rodin betrachtete. Dabei reflektierte ich über mögliche zeitliche und räumliche Aspekte in der Musik und ich bin zu der besprochenen Definition des skulpturalen Begriffs in meinem Werk gelangt.
Im weiteren möchte ich eine zweite Beobachtung schildern, die mein Verständnis der Beziehung von Klang, Zeit und Raum verdeutlichen kann. Aufgewachsen bin ich in der kleinen Stadt Zug in der Schweiz (wohin ich nach vieljährigem Auslandaufenthalt wieder zurückgekehrt bin). Meine Heimatstadt hat viele kleinere und ein paar grössere Kirchen. Das Nachbarhaus ist eine romanische Kapelle und deren Geläut klingt laut zu meinem Haus herüber. Das Geläut wird gegen Ende unregelmässig, bis die Glocke schliesslich nach dem letzten Anschlag am Verklingen ist. Bevor aber die Stille eintritt, höre ich von weither das leise Geläut anderer Kirchen aus verschiedenen Richtungen.